„Ist das Radio für die Ziegen oder die Menschen da?“, fragt Florence Katwere neugierig. Ein Lachen geht durch die Gruppe ugandischer Landwirtinnen und Deutscher Landfrauen, die sich zu einer Exkursion auf deutsche Bauernhöfe in Mecklenburg-Vorpommern zusammengefunden haben. Im Melkstall des Ziegenhofs „LBG Glasiner Gold“ bei Wismar staunen die Besucherinnen nicht schlecht: 1.600 Ziegen melkt die Anlage hier binnen knapp vier Stunden. Bei dem Austausch bilden sich Landwirtinnen aus Uganda in Deutschland zu landwirtschaftlichen Praktiken, Führung und Management weiter. Die zwei Wochen Training beinhalten auch Exkursionen zu landwirtschaftlichen Betrieben. Organisiert wird das Projekt von dlv-LandFrauen gGmbH mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).
„Es ist interessant, mit den Kolleg*innen über den Tellerrand zu schauen“, sagt Dr. Heike Müller, Vorsitzende des Landfrauen-Verbands Mecklenburg-Vorpommern e.V., die die Uganderinnen in diesen Tagen begleitet. „Wir leben alle auf demselben Planeten und interessieren uns auch für die Auswirkungen unseres Handelns auf den Globalen Süden.“
Wiederholt wurde sie heute bereits von den ugandischen Landwirtinnen in deren Heimat eingeladen. Sie und andere bekommen zum Dank ein Tuch mit ugandischen Landesfarben umgebunden. Auch ein Paar Flip-Flops aus Uganda in bunten Farben findet auf dem Ziegenhof eine neue Besitzerin. Der Austausch mit den ugandischen Gästen sei sehr herzlich und unkompliziert, so Müller…
Dass die Landfrauen kochen und backen können, beweisen sie, als sie für die ugandischen Gäste lokale Spezialitäten mit Matjes, Krabben und Dessertcremes anrichten. Der Kreisverein Nordwestmecklenburg zauberte mit viel Liebe ein tolles Buffett. Aber auch nähen und sticken können sie – unter anderem knallrote Ponchos, die diese trotz sommerlicher Temperaturen zum Teil nicht mehr ablegen wollen. Die Landfrauen aus dem Kreisverein Uecker Randow zeigten ihr Können und freuten sich, dass die liebevollen Geschenke so gut angekommen sind.
Die Landfrauen pflegen auch Traditionen wie die Getreidekrone, die sie aus den letzten Resten der Weizenernte basteln und jedes Jahr der Staatskanzlei in Schwerin übergeben. Überhaupt sollten Frauen in der Politik sicht- und hörbarer werden, finden die Landfrauen. Etwa mit dem „Aktionsprogramm Kommune – Frauen in die Politik!“, womit sie den Anteil von Frauen in der Kommunalpolitik erhöhen wollen. Ein Thema, das auch den ugandischen Bäuerinnen unter den Nägeln brennt.
Weil die Altersstruktur der Landfrauen in Mecklenburg-Vorpommern hoch ist, haben sich 50 von ihnen zu den Jungen Landfrauen zusammengeschlossen. Eine davon ist Sidonie Beltman „Es ist spannend zu sehen, wie Frauen in Deutschland in die Landwirtschaft und Tierhaltung eingebunden sind“, bemerkt Rehemah Nasejje. Die 33-jährige Landwirtin aus Mukono in Zentraluganda hat selbst Hühner – die einzige Tierhaltungsform, in der sich auch Frauen in Uganda einbringen können, sagt sie. Sie koordiniert im ugandischen Jungbauernverband UNYFA ein Programm, das Frauen für Führungspositionen, Lobbyarbeit und Interessenvertretung schult. Frauen arbeiteten hart in der Landwirtschaft, hätten aber wenig Mitspracherecht, meint Nasejje. Wenn sie gefördert würden, müssten sie sich zuhause rechtfertigen und Konflikte aushalten. „Wir müssen die Männer gut abholen und in den Prozess integrieren“, betont sie. „Nur so können Frauen langfristig gefördert werden.“
Zusammenhalt ist auch den Deutschen Landfrauen sehr wichtig. „Da sind immer Menschen, die dich auffangen, dir zuhören. Es ist eine tolle Gemeinschaft“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Landfrauen-Verbands Mecklenburg-Vorpommern e.V., Claudia Nielsen. Die 54-jährige Landwirtin weiß, wie wichtig es ist, in Krisenzeiten ein gutes Netzwerk zu haben.
Wie ein Familienbetrieb trotz politischer Umwälzungen über mehrere Jahrhunderte aufrechterhalten bleibt, erklärt Landfrau Sabine Brauer den Besucherinnen bei der Norddeutschen Pflanzenzucht (NPZ) auf der Ostseeinsel Poel. 1897 startete der Landwirt Hans Lembke dort seine ersten Versuche in der Züchtung von Winterraps. Heute zählt das Familienunternehmen 280 Angestellte und exportiert Saatgut in 43 Länder.
„Diese Study Tour ist eine sehr große, lebensverändernde Erfahrung für mich“, sagt Anthea Ndyamuhaki aus Kanungu in West-Uganda, die erstmals ihr Heimatland verlassen hat. „Durch eine Vereinigung wie die Deutschen Landfrauen sehe ich das Wachstum von Kollektivität und Zusammengehörigkeit, so dass sie gemeinsam große Dinge erreichen können“, so Ndyamuhaki. Die 27-jährige Junglandwirtin hat erst im Mai rund 400 Hektar Land für ihren eigenen Kaffeeanbau gekauft. „Das Training hat in mir etwas ausgelöst. Ich will etwas Großes bewirken und es gut machen – so wie es die Landfrauen hier tun.“
Ihr Traum ist es, Trainings für junge Menschen, Frauen und auch Männer in der Landwirtschaft zu geben. „Sie sollen sich selbst reflektieren, ihre eigene Bestimmung finden und an die Werte erinnert werden, die ihnen ihre Eltern mitgegeben haben“, sagt Ndyamuhaki. „Es ist toll, wie die Landwirt*innen hier alles in Wert setzen, sei es den Käse, die Ziegenmilch oder das Öl sowie den Honig, den die NPZ aus ihren Pflanzen gewinnt“, so Harriet Achola, 34-jährige Kleinbäuerin aus Amrun in Nord-Uganda. „Und ich bin fasziniert, wie so ein Betrieb trotz vieler Rückschläge über mehrere Generationen erhalten wurde.“
Achola, die in ihrer Heimat eine Bauernvereinigung mit rund 3.000 Mitgliedern koordiniert und davon rund 2.000 Frauen zu landwirtschaftlichen Praktiken und Lobbyarbeit trainiert, hat durch ihre Reise nach Deutschland wesentliche Erkenntnisse erhalten. Ihr Fazit: „Frauen können nicht viel tun?! Frauen haben viel Kraft, sie können viele Aufgaben erfüllen. Das Alter spielt keine Rolle. Bei den Landfrauen sind viele über 50, aber sie tun immer noch diese wunderbaren Dinge.“
Quelle GIZ





